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Hintergrund zum BNN-Bericht

"Verein aus Stutensee scheitert mit Corona-Konzept: Auch Fußballtraining in Zweier-Teams ist verboten"

Hintergrundbericht von unserer Jugendleiterin Anke Bjelanovic

Eigentlich hatte ich nur folgenden Leserbrief an Herrn Wolff von der BNN geschrieben, der mich damals zu meinem offenen Brief an die Bundesregierung interviewt hatte:


Sehr geehrter Herr Wolff,

 

ich schreibe Ihnen, da ich weiß, wie sehr Ihnen der Sport am Herzen liegt und ich hoffe, dass es Sie interessiert, wie verzweifelt der FC Germania Friedrichstal dafür kämpft, dass die Kinder und Jugendlichen wenigstens einen kleinen Teil Ihrer Lebensfreude zurück erhalten dürfen, indem sie unter strengstem Hygienekonzept Sport treiben...

Wie Sie wissen, hatte sich die Coronaverordnung dahingehend geändert:

"Für Sport und Bewegung im öffentlichen Raum und auf weitläufigen privaten und öffentlichen Sportanlagen im Freien wie auf Tennisplätzen, Golfplätzen oder Skiloipen gilt die Regelung: Ein Haushalt plus eine weitere Person, die nicht zum Haushalt gehört. Kinder bis 14 Jahre zählen nicht dazu (siehe § 9 Absatz 1 Corona-Verordnung). 

Weitläufige Anlagen im Freien wie Golfplätze, Reitanlagen oder auch Tennisplatzanlagen dürfen auch von mehreren individualsportlich aktiven Personen unter Einhaltung der Abstandsregeln genutzt werden. Umkleiden, Aufenthaltsräume und andere Gemeinschaftseinrichtungen, wie sanitäre Anlagen dürfen nicht genutzt werden."

Nachzulesen unter Fragen und Antworten zur Corona-Verordnung

Nachdem hier Tennisplatzanlagen als weitläufige Flächen genannt wurden, die auch von mehreren individualsportlich aktiven Personen genutzt werden dürfen, solange die Abstandsregel befolgt wird, boten wir unseren Kindern und Jugendlichen ein Individualtraining unter folgenden strengsten Hygieneregeln an:

Die Kinder werden von den Eltern gebracht, ohne, dass die Eltern aus dem Auto aussteigen oder sie kommen alleine mit dem Fahrrad.

Jedes Trainingsduo hat ca. ein Viertel des Fußballplatzes zur Verfügung, das heißt nur 8 Kinder pro Feld. Die beiden Trainer haben ein extra Feld, das die Felder der Kinder voneinander trennt. Man kann es sich als eine Gasse zwischen den Feldern vorstellen, einmal längs und einmal quer. So wird sichergestellt, dass absolut keine Durchmischung der Gruppen stattfindet, weder unter den Kindern noch zwischen Kindern und Trainern.

Jedes Kind weiß im Voraus, in welchem Feld es startet und begibt sich direkt vom Auto dorthin, so dass kein "Pulk" bei der Anreise entsteht.

Die Trainingspartner bleiben auch in den darauffolgenden Trainings fest zusammen (soweit möglich).

Nach dem Training gehen die Kinder wieder direkt vom Feld zum Auto.

Die Umkleiden sind geschlossen, d.h. die Kinder kommen bereits umgezogen und gehen ungeduscht.

Leider zog unser Individualtraining böse Blicke auf sich. Die Beschwerden beim Ordnungsamt und bei unserer Vorstandschaft nahmen zu, teilweise mit Beleidigungen, so dass sich das Ordnungsamt gezwungen sah, unser Konzept vom Gemeindetag Baden-Württemberg prüfen zu lassen. Bis zur Entscheidung hatten wir grünes Licht, das Training unter dem Hygienekonzept weiter zu führen. 

Dann kam die Antwort von Frau B. vom Gemeindetag BW.

Obwohl sie selbst betonte, dass diese Auskunft von ihr keine rechtsverbindliche Grundlage darstellen würde, was sie selbst als fett gedruckt unter ihre Ausführungen schrieb ("Bitte beachten Sie: Vorstehende Einschätzung zur Sach- und Rechtslage ergeht auf Basis der uns vorliegenden Informationen. Rechtsverbindliche Einschätzungen zur Corona-Verordnung und damit zusammenhängenden Fragen, können derzeit nur die staatlichen Stellen erteilen.", zog das Ordnungsamt seine Erlaubnis zurück und verlangte von uns, dass wir das Individualtraining einstellen sollten. Dieser Aufforderung mussten wir natürlich Folge leisten.

Dennoch möchte ich Ihnen nicht verheimlichen, was Frau B. als Begründung angab:

Der erste Punkt sei, dass Fußballfelder KEINE WEITLÄUFIGEN ANLAGEN seien...Wie Sie oben jedoch sehen, gelten Tennisplatzanlagen dazu..

Der zweite Punkt sei, dass weitläufige Flächen nicht unterteilt werden dürften...siehe oben: Man kann Tennisplatzanlagen in Tennisplätze unterteilen...

Damit man ein Fußballfeld mit einer Tennisplatzanlage vergleichen kann, habe ich die Flächenverhältnisse ausgerechnet. Auf einen Fußballplatz passen gut 27 (!) Tennisplätze...gibt es eine Tennisplatzanlage solchen Ausmaßes?

Unsere obige Unterteilung stellt den Kindern ein Feld von ca. 6 Tennisplätzen zur Verfügung, also: für JEDES Paar ca. 1550 (!) Quadratmeter. Das Trainerfeld ist ca. 3 Tennisplätze groß (840 (!) Quadratmeter)  

Ich frage mich daher: 

Aus welchem Grund sollten Fußballplätze mit solch riesigen Ausmaßen NICHT als weitläufige Flächen gelten?

Meine persönliche Antwort darauf ist so naheliegend wie traurig: DER WILLE FEHLT!

Es wäre für die Ordnungsämter ein Leichtes, das Individualtraining auf solch weiten Flächen zu erlauben. Doch der Druck durch die ganzen Anzeigen "besorgter" BürgerInnen, ist so groß, dass das Rückgrat fehlt, diese Entscheidung zu Gunsten unserer Kinder zu fällen! Ebenso wird das bloße Anfragen beim Gemeindetag BW von Frau B. dermaßen in der Luft zerrissen, dass ich mir die Frage stellen muss, ob nicht persönliche Gründe den Ausschlag für diese "Empfehlung" gegeben haben. Denn rechtlich wäre es eindeutig möglich (s.o.), unser Hygienekonzept zu gestatten. Eine korrekte Trennung von individuellen Befindlichkeiten von der rechtlichen Lage dürfte man "eigentlich" an dieser Stelle mehr als erwarten.

Ja, wir geben den Kampf nun auf! Das Leuchten in den Augen der Kinder erlischt...weiter geht es zu Hause mit Handy, PC, Tablet und Fernseher statt frischer Luft und Bewegung! 

Es gibt sehr alarmierende Zahlen, was die physische und psychische Gesundheit unser aller Kinder angeht. Andere Bundesländer haben schon im Herbst letzten Jahres erkannt, dass für Kinder und Jugendliche, die die Zukunft unseres Landes sein werden, Ausnahmeregelungen getroffen werden müssen, damit wenigstens ein Teil der Lebensfreude und Gesundheitsvorsorge erhalten bleiben kann. Daher wurde es ihnen weiterhin erlaubt, im Verein Sport zu treiben.

Gerade im "Kinderland Baden-Württemberg" wurde nie ein einziger Gedanke daran verschwendet, Ausnahmen für Kinder zu ermöglichen. Und mit der Ablehnung von Fußballplätzen als weitläufige Anlagen wird den Kindern nun auch die letzte kleinste Möglichkeit genommen, etwas gegen die Lethargie zu tun, die sich seit einem Jahr in jede Familie schleicht.

Ich möchte mich herzlich bei unserem Ordnungsamt bedanken, dass es einen Teil des Weges mit uns gegangen ist!

Wir kicken den Ball nun nach ganz oben zu Herrn Kretschmann: 

Lassen Sie die Kinder endlich wieder Sport treiben!

Ich befürchte jedoch, dass der Ball dort weiterhin liegen bleiben wird...

Ich würde mich sehr freuen, wenn mein Anliegen in der BNN berücksichtigt würde. 

Mit freundlichen Grüßen,

Anke Bjelanovic, Jugendleiterin


Daraufhin rief mich Frau Janina Keller an, da sie mehr dazu recherchieren wollte. Der Artikel, der daraus entstand, wurde hier ja auch bereits auf der Seite veröffentlicht.

Leider wurde mein anschließender Leserbrief nicht gedruckt, weshalb ich diese Plattform hier nutzen möchte:

 


Liebe Frau Bjelanovic,

herzlichen Dank für Ihre Zuschrift! Wir freuen uns über die Resonanz unserer Leser und eine rege Beteiligung an unserem „Forum“.

Gleichzeitig möchten wir darauf hinweisen, dass es keinen Anspruch auf Veröffentlichung von Leserbriefen gibt.

Zu manchen Themen übersteigt die Zahl der Einsendungen den verfügbaren Platz. Daher behalten wir uns auch vor, Leserbriefe zu kürzen.

Wir freuen uns auf weitere Debattenbeiträge!

Ihre BNN-Redaktion

 


Meine Antwort auf die Ausreden von Herrn Jox, weshalb ein Fußballplatz keine "weitläufige Anlage" und unser Konzept nicht zu genehmigen sei:

Redaktion: Lokalredaktion Hardt

Regionale Ausgabe: BNN - Ausgabe Hardt

Ihre Nachricht:

 

Leserbrief zu „Verein scheitert mit seinem Sport-Konzept“

Vielen Dank an Janina Keller, dass sie sich unseres Themas so ausführlich angenommen hat. Ihre Recherche beim Ministerium für Soziales und Integration zeigt in den Ausführungen von Herrn Jox sehr deutlich, welch krudes Menschenbild hinter der Entscheidung steckt, Fußballplätze nicht als weitläufige Anlagen anzusehen und daher Sport für Zweiergruppen zu verbieten: „Nur durch Linien getrennte Einheiten verführen auch zur linienübergreifenden Kommunikation und Kontakten an der Spielfeldbegrenzung…“ Das Ministerium schützt unsere Kinder also vor der „Verführung“, den „bösen Kontakten“ sozusagen und traut auch uns erwachsenen Menschen und Trainern nicht zu, dass wir auf die Einhaltung unserer eigenen, strikten Regeln achten. Weiterhin frage ich mich, welchen Sinn Regeln dann eigentlich machen sollten, wenn man allen Personen unterstellt, dass genau die aufgestellten Regeln dazu verleiten, sie zu brechen? Diese Einstellung ist in meinen Augen an Absurdität kaum zu überbieten.

Doch weiter zu den Kindern: Obwohl Kinder- und Jugendärzte sowie Psychologen dramatisch an die Politik appellieren, dass die Kinder unter den Coronamaßnahmen so schwer leiden, dass psychologische Praxen aus allen Nähten platzen, stellt sich die Regierung taub und blind! Selbst von „Triage“ bei den stationären Unterbringungsmöglichkeiten war schon die Rede, da immer mehr Jugendliche sich ritzen oder von Selbstmordgedanken berichten! Viele Kinder vereinsamen, legen an Gewicht zu, können nicht mehr schlafen, sitzen stundenlang vor Fernseher, Handy, Tablet, Spielkonsole, vermissen Sicherheit und Geborgenheit und erleiden psychische Schäden, die nicht so einfach wieder auszumerzen sein werden, doch dies scheint in der Politik niemanden zu interessieren!

Nun könnte man durch positive Auslegung der Coronaverordnung des Landes wenigstens zu zweit draußen auf einem riesigen Feld Sport treiben und dann werden die abstrusesten Ausflüchte gesucht, diese kleinste Freude zu verbieten!

„Weitläufige Anlagen können auch von mehreren sich individualsportlich betätigenden Personen genutzt werden“ heißt es in der Verordnung. Und sofort wird unterstellt, dass man Fußball nicht individuell trainieren könne – dabei hängt es absolut von den angebotenen Trainingseinheiten ab! Sicher ist es deutlich leichter, individuell mit dem Ball zu trainieren, als individuell Tennis zu spielen. Hier muss immer ein Gegner da sein, der den Ball zurück spielt. Und „verführt“ das Netz in der Mitte nicht dazu, sich dort bei einem Gespräch zu nahe zu kommen? Anscheinend nicht! Dies gilt nur für Begrenzungen im Fußball...

Dass Tennisplätze in „Parks“ gemeint seien, ist aus den FAQs des Kultusministeriums eindeutig NICHT herauszulesen. Vielmehr geht es um „Tennisplatzanlagen“, also auch keine „Einzelfälle“, die „in Parks eingebettet“ sind... Daher sind dies in meinen Augen einfach viele verschiedene, an den Haaren herbei gezogene und absurde Ausflüchte dafür, eine Regel strenger auszulegen als nötig wäre und unsere Kinder weiter wegzusperren!

Fazit: Das „Kinderland“ Baden-Württemberg lässt seine Kinder hängen, während in anderen Bundesländern die Kinder und Jugendlichen von Beginn des Lockdowns an wenigstens weiter Sport treiben und etwas für ihre psychische und physische Gesundheit tun durften!

Es sei noch angemerkt, dass immerhin der Tierschutz halbwegs funktioniert...auf eines der Felder, auf welchem wir ein Zweierteam trainieren lassen wollten (ca. 1500 Quadratmeter groß!) dürften sich immerhin 7 Pferde mit ReiterInnen sportlich betätigen, falls dieses Gelände eine Reitsportanlage wäre...auf dem ganzen Sportplatz wären bei einer Größe von ca. 7000 Quadratmetern sogar ganze 35 dieser Pferd-Reiter-Teams erlaubt...aber keine 8 Kinder!

Mit freundlichen Grüßen,

Anke Bjelanovic

 

Jugendleiterin des FC Germania Friedrichstal 1913 e.V.